Emotionsregulation lernen: Wie Kinder mit großen Gefühlen umgehen lernen

Der Schulstart bringt für viele Kinder eine Menge auf einmal: neue Anforderungen, ein strafferer Tagesablauf, mehr Bewertungssituationen, oft auch neue soziale Konstellationen. Genau in solchen Übergangsphasen zeigt sich besonders deutlich, wie unterschiedlich gut Kinder mit Frustration, Enttäuschung, Aufregung oder Wut umgehen können. In der therapeutischen Praxis ist das Thema Emotionsregulation entsprechend fast das ganze Jahr über präsent, rund um den Schulstart aber noch einmal verstärkt.

Was Emotionsregulation eigentlich bedeutet

Unter Emotionsregulation versteht man die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und so zu beeinflussen, dass sie zur jeweiligen Situation passend erlebt und ausgedrückt werden. Nicht im Sinne von „Gefühle unterdrücken“, sondern im Sinne von „mit Gefühlen umgehen können, ohne von ihnen überwältigt zu werden“. Ein einflussreiches Modell dazu stammt von Gross (1998): Es unterscheidet fünf Gruppen von Regulationsstrategien, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Entstehungsprozess einer Emotion ansetzen – von der bewussten Auswahl bzw. Vermeidung bestimmter Situationen über die Lenkung der Aufmerksamkeit und die gedankliche Neubewertung einer Situation bis hin zur Regulation des unmittelbaren emotionalen Ausdrucks selbst. Emotionsregulation ist keine Fähigkeit, die Kinder von Geburt an mitbringen, sondern eine Entwicklungsaufgabe, die sich über viele Jahre hinweg entfaltet, begleitet von großen individuellen Unterschieden im Tempo dieser Entwicklung (In-Albon, 2013).

Wie Kinder Emotionsregulation lernen

Ein zentrales entwicklungspsychologisches Modell (Morris et al., 2007) beschreibt drei familiäre Lernwege, über die Kinder Emotionsregulation erwerben:

  • Beobachtung/Modelllernen: Kinder beobachten, wie ihre Bezugspersonen mit eigenen Gefühlen umgehen, und übernehmen diese Strategien zu einem erheblichen Teil unbewusst.
  • Emotionsbezogenes Erziehungsverhalten: Wie reagieren Eltern, wenn das Kind wütend oder traurig ist? Wird das Gefühl validiert, ignoriert oder abgewertet?
  • Das emotionale Klima der Familie: Die insgesamt vorherrschende emotionale Atmosphäre zu Hause prägt, wie sicher sich ein Kind fühlt, eigene Gefühle überhaupt zu zeigen.

Zusätzlich spielen kindlich Faktoren wie das Temperament sowie elterliche Faktoren wie die eigene psychische Belastung der Bezugspersonen eine moderierende Rolle. Das erklärt, warum zwei Kinder aus ähnlichen Verhältnissen mitunter sehr unterschiedliche Wege finden, mit denselben Gefühlen umzugehen.

Warum das gerade jetzt relevant wird

Der Schulstart aktiviert in besonderem Maß Situationen, die Emotionsregulation fordern: Frustration bei neuen, noch nicht beherrschten Aufgaben, Enttäuschung bei ausbleibender Anerkennung, Aufregung und Nervosität vor neuen sozialen Situationen, Ärger über strengere Regeln als zu Hause. Kinder, deren Emotionsregulation noch wenig ausdifferenziert ist, zeigen in solchen Phasen häufiger Wutausbrüche, Rückzug, psychosomatische Beschwerden (Bauch-/Kopfschmerzen) oder vermehrtes Weinen und das nicht, weil „etwas nicht stimmt“, sondern weil die entsprechenden Regulationsstrategien noch nicht ausreichend aufgebaut sind.

Der verhaltenstherapeutische Zugang

In der Kinder- und Jugendpsychotherapie hat sich die gezielte Förderung von Emotionsregulation als eigenständiger Behandlungsbaustein etabliert, da eine dysfunktionale Emotionsregulation die Entstehung und Aufrechterhaltung zahlreicher psychischer Auffälligkeiten im Kindesalter begünstigen kann. Das kann von internalisierenden Störungen wie Angst bis zu externalisierenden Auffälligkeiten wie aggressivem Verhalten stattfinden. Ein Beispiel für ein wirksamkeitsüberprüftes Vorgehen ist das Emotionsregulationstraining (ERT) für Kinder im Grundschulalter (Heinrichs, Lohaus & Maxwill, 2017), das sich am intrapsychischen Modell nach Gross orientiert und gezielt folgende Bereiche fördert:

  • Emotionswissen: Gefühle bei sich selbst und anderen erkennen und benennen können
  • Aufmerksamkeitslenkung: bewusst den Fokus von belastenden Reizen weglenken können
  • Kognitive Neubewertung: eine Situation gedanklich anders einordnen, um die emotionale Reaktion zu verändern
  • Entspannungstechniken: körperliche Anspannung, die mit starken Gefühlen einhergeht, aktiv reduzieren können

In der praktischen Umsetzung wird viel mit spielerischen und kindgerechten Materialien gearbeitet, etwa Gefühle-Memo-Spielen, visuellen Hilfsmitteln wie einer „Gefühle-Ampel“ zur Einschätzung der eigenen Erregung oder konkreten Übungen im Rahmen von Verhaltensanalysen einzelner, real erlebter Situationen. Entscheidend ist dabei immer der Transfer. Die im geschützten Rahmen der Therapiestunde erlernten Strategien sollen aktiv in den Alltag zu Hause und in der Schule übertragen werden, damit sie sich festigen können.

Was Eltern konkret tun können

  • Vorbild sein. Kinder lernen mehr aus dem beobachteten Umgang mit den eigenen Gefühlen der Eltern als aus jeder Erklärung. Ein hörbares „Ich merke, ich bin jetzt ziemlich genervt, ich brauche kurz einen Moment.“ ist selbst schon Emotionsregulationstraining.
  • Gefühle benennen, nicht bewerten. „Du bist gerade richtig wütend, weil das nicht geklappt hat.“ validiert das Gefühl, ohne das Verhalten gutzuheißen – das ist ein wichtiger Unterschied.
  • Nicht in der Hitze des Gefühls erklären wollen. Strategien und Regeln lassen sich am besten besprechen, wenn die akute emotionale Erregung bereits abgeklungen ist, nicht mittendrin.
  • Geduld mit dem Entwicklungstempo haben. Emotionsregulation ist eng an die Reifung des Gehirns gekoppelt. Von einem 6-Jährigen dieselbe Selbstregulation wie von einem 12-Jährigen zu erwarten, überfordert strukturell.

Wann sich professionelle Unterstützung lohnt

Ein gewisses Maß an emotionaler Dysregulation gehört zur normalen kindlichen Entwicklung. Wenn Wutausbrüche, Rückzug oder emotionale Überforderung jedoch deutlich häufiger, intensiver oder länger anhaltend auftreten als bei gleichaltrigen Kindern oder wenn sie den Schulalltag, Freundschaften oder das Familienleben spürbar belasten, kann eine gezielte therapeutische Unterstützung helfen, Kindern altersgerechte Strategien an die Hand zu geben und Eltern gleichzeitig einen hilfreichen Umgang damit.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

Quellen