Resilienz – kann man sie lernen?

„Manche Menschen scheinen einen unsichtbaren Schutzschild mit sich zu tragen: Schicksalsschläge werfen sie nicht um, Stress perlt an ihnen ab.“ So beschreibt der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch, einer der führenden Resilienzforscher im deutschsprachigen Raum, das Phänomen, das uns in der therapeutischen Praxis fast täglich begegnet. Resilienz ist zu einem der meistverwendeten Begriffe der Psychologie geworden – von Wochenendseminaren bis zu Firmen-Workshops. Doch was sagt die tatsächliche Forschung dazu, und was können wir in der Verhaltenstherapie davon konkret nutzen?

Was Resilienz eigentlich bedeutet

Ursprünglich bezeichnete Resilienz die Fähigkeit, Extremsituationen durchzustehen, ohne bleibenden seelischen Schaden zu nehmen. Die aktuelle Forschung hat dieses Verständnis präzisiert: Resilienz wird heute nicht mehr als feste Eigenschaft verstanden, die man entweder hat oder nicht, sondern als dynamischer Prozess erfolgreicher Anpassung an Belastungen. Menschen sind demnach nicht resilient, weil sie Stress gar nicht spüren, sondern weil es ihnen gelingt, trotz widriger Umstände ihre psychische Funktionsfähigkeit aufrechtzuerhalten oder nach einer Belastungsphase wiederherzustellen. Diese Neuausrichtung ist mehr als Begriffskosmetik. Sie verschiebt den Fokus weg von der Frage „Wer ist resilient?“ hin zu der viel praktischeren Frage: „Welche Mechanismen ermöglichen erfolgreiche Anpassung, und lassen sich diese gezielt fördern?“

Der wissenschaftliche Blick: Bewertungsstil als Schlüsselmechanismus

Ein zentraler Ansatz der aktuellen Resilienzforschung ist die von Kalisch und Kolleg*innen entwickelte Positive Appraisal Style Theory of Resilience (PASTOR). Die Kernidee: Nicht das belastende Ereignis selbst entscheidet über die psychischen Folgen, sondern in hohem Maße der Bewertungsstil, mit dem eine Person eine Situation und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten einschätzt. Wer eine Herausforderung eher als bewältigbar und die eigene Reaktion darauf als vorübergehend einordnet, ist demnach deutlich geschützter vor der Entwicklung psychischer Folgeerkrankungen als jemand, der dieselbe Situation katastrophisierend bewertet.

Am Deutschen Resilienz-Zentrum (DRZ) in Mainz – der ersten Einrichtung ihrer Art in Europa – wird dieser Ansatz im Rahmen des Mainzer Resilienz Projekts (MARP) langfristig untersucht: Junge Menschen werden über Jahre hinweg in einer besonders belastungsreichen Lebensphase (Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf) begleitet, ihre psychischen Belastungen und Reaktionen darauf erfasst, unter anderem mit bildgebenden Verfahren. Ziel ist es, Resilienzmechanismen neurobiologisch besser zu verstehen und daraus wirksame Präventionsstrategien abzuleiten.

Wichtig ist dabei ein methodischer Hinweis aus der Fachliteratur: Resilienzforschung untersucht oft die Frage, warum manche Menschen trotz vergleichbarer Belastung keine psychische Erkrankung entwickeln, die rein dichotome Einteilung in „krank“ versus „gesund“ wird in der aktuellen Forschung allerdings zunehmend kritisch diskutiert, da psychische Symptome zwischen verschiedenen Störungsbildern überlappen und Komorbiditäten häufig sind. Resilienz lässt sich also nicht auf eine einzige, klar messbare Zahl reduzieren.

Ist Resilienz trainierbar? Die differenzierte Antwort

Die kurze Antwort: ja – aber nicht so, wie es viele kommerzielle Angebote versprechen. Kalisch selbst warnt in seinem Buch zur Resilienzforschung ausdrücklich vor schnellen Resilienzfragebögen und Wochenendtrainings mit dem Versprechen sofortiger Ergebnisse: Fertige Lösungen und einfache Alltagstipps fürs Durchhalten könne die seriöse Forschung derzeit nicht liefern.

Differenzierter wird es, wenn man zwischen zwei Arten von Resilienzfaktoren unterscheidet, wie sie in der Forschung häufig beschrieben werden:

  • Stabilere Persönlichkeitsmerkmale, die sich nur langsam und mit erheblichem Aufwand verändern lassen (zum Bsp. grundlegende Temperamentsmerkmale).
  • Trainierbare Kompetenzen und Verhaltensweisen, die deutlich zugänglicher für gezielte Interventionen sind – etwa der eingangs beschriebene Bewertungsstil, Emotionsregulationsfähigkeiten, Selbstwirksamkeitserwartung oder der aktive Aufbau unterstützender sozialer Beziehungen.

Genau hier setzt evidenzbasierte therapeutische Arbeit an: nicht am Versuch, den Charakter grundlegend umzukrempeln, sondern an konkret erlernbaren Fertigkeiten.

Empirisch gut belegte Resilienzfaktoren

Aus der Forschung lassen sich mehrere Faktoren herausgreifen, für die eine relativ solide Evidenzbasis besteht: Kognitive Flexibilität und psychologische Flexibilität. Eine Metaanalyse von Hayes und Kolleg*innen über mehr als 32 Studien hinweg fand, dass höhere psychologische Flexibilität – also die Fähigkeit, das eigene Verhalten je nach Situation und eigenen Werten anzupassen, statt starr an Vermeidung oder Kontrolle festzuhalten – mit weniger depressiven und ängstlichen Symptomen, besserer körperlicher Gesundheit und weniger erlebtem Stress einhergeht.

  • Selbstwirksamkeitserwartung. Das von Bandura geprägte Konzept beschreibt die Überzeugung, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Sie gilt als einer der am besten untersuchten Schutzfaktoren gegen die Entwicklung psychischer Belastungsfolgen.
  • Soziale Unterstützung. Der Zugang zu und die aktive Nutzung tragfähiger sozialer Beziehungen zählt konsistent zu den robustesten Resilienzfaktoren über verschiedene Studien und Altersgruppen hinweg.
  • Physiologische Ressourcen. Ausreichender Schlaf, Bewegung und Erholung werden zunehmend als eigenständige, oft unterschätzte Grundlage psychischer Widerstandsfähigkeit anerkannt.

Was das im Therapiealltag konkret bedeutet

In der verhaltenstherapeutischen Praxis lassen sich diese Erkenntnisse in mehrere konkrete Ansatzpunkte übersetzen:

Arbeit am Bewertungsstil. Klassische kognitive Umstrukturierung – automatische Gedanken identifizieren, auf ihren Realitätsgehalt prüfen, alternative Bewertungen entwickeln – lässt sich explizit als Resilienzarbeit rahmen: Es geht nicht nur um die Reduktion akuter Symptome, sondern um den langfristigen Aufbau eines Bewertungsstils, der auch künftige Belastungen als grundsätzlich bewältigbar einordnet.

Selbstwirksamkeit durch Erfahrung, nicht durch Zuspruch. Ein zentrales Prinzip aus der Expositionsbehandlung lässt sich hier gut übertragen: Selbstwirksamkeit entsteht am nachhaltigsten durch tatsächlich gemeisterte, angemessen dosierte Herausforderungen – nicht durch bloße Ermutigung von außen. Wenn Klient*innen erleben, dass sie eine gefürchtete Situation aus eigener Kraft bewältigen konnten, ist das eine der wirksamsten Resilienzerfahrungen überhaupt.

Ressourcen- statt reine Defizitorientierung. Neben der Symptomreduktion lohnt sich der bewusste Blick auf vorhandene Bewältigungsstrategien, soziale Ressourcen und frühere erfolgreich gemeisterte Krisen – oft ein unterschätzter Hebel, gerade bei Klient*innen, die sich primär über ihre Defizite definieren.

Vorsicht vor Individualisierung. Ein wichtiger kritischer Punkt aus der Praxis: Der Resilienzbegriff birgt das Risiko, strukturelle oder soziale Belastungsursachen – etwa Arbeitsüberlastung, prekäre Lebensverhältnisse oder Diskriminierungserfahrungen – unbeabsichtigt zu einem rein individuellen Anpassungsproblem umzudeuten. Resilienzförderung ersetzt nicht die Notwendigkeit, auch belastende äußere Bedingungen klar zu benennen und, wo möglich, zu verändern.

Fazit

Resilienz ist kein angeborenes Schicksal, aber auch kein Persönlichkeitsmerkmal, das sich in einem Wochenendseminar antrainieren lässt. Die aktuelle Forschung zeichnet ein differenziertes Bild: Bestimmte Kompetenzen – allen voran ein förderlicher Bewertungsstil, Selbstwirksamkeitserfahrungen, psychologische Flexibilität und der Aufbau tragfähiger Beziehungen – sind empirisch gut belegte, veränderbare Bausteine. Genau diese Bausteine bilden implizit einen Großteil dessen, woran in der Verhaltenstherapie ohnehin gearbeitet wird. Resilienz „lernen“ heißt also weniger, einem fertigen Programm zu folgen, als vielmehr, in einem geschützten Rahmen wiederholt die Erfahrung zu machen: Ich kann mit dem, was mir begegnet, umgehen.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle therapeutische Beratung.

Literaturverzeichnis

  • Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.
  • Hayes, S. C., Luoma, J. B., Bond, F. W., Masuda, A., & Lillis, J. (2006). Acceptance and commitment therapy: Model, processes and outcomes. Behaviour Research and Therapy, 44(1), 1–25.
  • Kalisch, R., Müller, M. B., & Tüscher, O. (2015). A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behavioral and Brain Sciences, 38, e92.
  • Kalisch, R. (2017). Der resiliente Mensch: Wie wir Krisen erleben und bewältigen. Berlin Verlag.
  • Luthar, S. S. (2015). Resilience in development: A synthesis of research across five decades. In D. Cicchetti & D. J. Cohen (Hrsg.), Developmental Psychopathology (2. Aufl.). Wiley.
  • Aktuelle Konzepte der Resilienzforschung. Der Nervenarzt (2018). Springer. https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-018-0529-x
  • Psychologie Heute (2025). Resilienz lässt sich lernen. https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/38838-resilienz-laesst-sich-lernen.html
  • Deutsches Resilienz-Zentrum Mainz / Mainzer Resilienz Projekt (MARP). https://juttaheller.de/resilienz/resilienz-abc/forschung-zu-resilienz/